Klein Dagobert – Vogelaufzucht

Dagobert an der Fundstelle

Es ist schon wieder passiert; ein kleiner Nestling ist bei mir eingezogen. Er lag einsam und verlassen, frierend in der nähe eines Hotels.

Ganz, ganz wichtig: bevor ihr den Eindruck bekommt, dass es absolut selbstverständlich ist, einen vermeintlich hilflosen Vogel mitzunehmen, möchte ich euch sagen, dass dies die allerletzte Wahl sein sollte, wie einem Vogel geholfen werden sollte. Dazu gibt es unzählige Informationen im Internet, aber ich fasse die empfohlene Vorgehensstrategie (ohne Garantie auf Richtigkeit) zusammen:

Braucht ein Vogel wirklich Hilfe?

Ist der Vogel verletzt? So antwortet die Frage vermutlich „Ja, er braucht Hilfe.“ Dann sollte man ihn schnellstmöglich dem Tierarzt vorstellen. Davon abgesehen möchte ich hier besonders auf Vogelkinder eingehen.

Gerade flügge gewordene Vögel, so genannte „Ästlinge“ (ich vergleiche sie mit Teenagern) wirken durch ihre Unerfahrenheit noch etwas Hilflos, sind aber gerade dabei, zu selbstständigen Vögeln heranzuwachsen. Wenn man sich nicht sicher ist, ob alles ok ist: einfach (aus Abstand) beobachten, ob die Mutter zum Verpflegen noch kommt. Man erkennt sie an dem Vollständigen Federkleid und ihrer Unbeholfenheit. Solange sie nicht verletzt sind und von ihrer Mutter versorgt werden, sind diese Vögel nicht hilfsbedürftig.

Im Gegenzug zu „Nestlingen„; das sind noch Vogelbabies, die kein vollständiges Federkleid haben. Sie frieren sehr schnell und müssen noch oft gefüttert werden. Wenn ihr einen hilflosen Nestling findet, sollte euer erster Instinkt allerdings nicht sein, den Vogel mitzunehmen, sondern zu versuchen, sein Nest zu finden und ihn zurückzusetzen; dann wird sich die Vogelmama wieder weiter um ihn kümmern. Allerdings solltet ihr das machen während die Eltern unterwegs sind. Und irgendwo habe ich gelesen, dass man Nester überhaupt nicht anfassen soll; soll Illegal sein. Also macht das auf eigene Gefahr; ich rezitiere hier nur Wildvogelhilfeseiten.

Wenn sich kein Nest auffinden lässt, dann ist es im Übrigen vollkommen ok, der Natur ihren Lauf zu lassen; man ist zur Hilfe nicht verpflichtet. Man sollte sich allein überlegen, ob man die Gefahr einer Zoonose wie der Vogelgrippe riskieren möchte. Und so einen Vogel aufzuziehen ist kein Zuckerschlecken. Klein Dago möchte Tags alle 35 Minuten Futter. Und selbst wenn man plant, den Vogel in eine Wildtierauffangstation zu geben; allein die Notversorgung ist schon ein Akt; bis man ein warmes Nest improvisiert und Futter geholt hat. Aber kleiner Tipp für den Notfall: wenn man kein artgerechtes Futter herholen kann, tut es für den ersten Moment auch noch gekochtes, kleingemachtes Eiweiß; das ist nicht optimal, aber es ist besser, als verhungern zu lassen.

Als wir den Grünfinken Taubsi (war ca. 7 Tage alt) 2015 verletzt (er hatte keine Schmerzen) entdeckt haben wollte ihn nur keine Auffangstation haben; wir haben alles abtelefoniert was wir finden konnten. Die Tierärzte wollten ihn sogar einschläfern. Eine Tierärztin hat sich dann erbarmt und gab uns dann den Tipp mit dem Eiweiß, sagte uns dass er warm gehalten werden muss und jede Stunde Tags gefüttert werden muss. Also hatten wir die Wahl zwischen großziehen oder sterben lassen. Nun, Taubsi ist zu einem großen Vogel herangewachsen. Und sein lahmes Bein vollständig geheilt ❤

Wenn ihr einen Vogel in Obhut nehmt, müsst ihr schnellstmöglich artgerechtes Futter anbieten, dafür müsst ihr schnellstmöglich herausfinden, welcher Art er angehört. Holt euch Tipps, geht mit ihm zum Tierarzt. Es gibt Vögel, beispielsweise Schwalben, die sehr schwer großzuziehen sind; die sollten ganz dringend in erfahrene Hände.

Einen Vogel großzuziehen ist kein Experiment, sondern eine ernstzunehmende, Zeitintensive Aufgabe, die übrigens auch schiefgehen kann. Manchmal ist es kein Unfall, dass ein Vogel zu früh aus dem Nest fliegt; manchmal wird er von seiner Mama rausgeschmissen, weil etwas mit ihm nicht stimmt.

Zu Dagobert

Hier sitzt Dagobert in meinem Kragen.

Also ich kann ja nur den vermutlichen Spatz Dagobert mit dem Grünfinken Taubsi vergleichen. Diesmal bin ich definitiv entspannter; ich weiß, dass ich Dagobert überall hin mitnehmen muss, ihm regelmäßig Futter anbieten muss, nachts schlafen darf. Und ich mach mir diesmal keinen Stress von wegen: „Er könnte sterben!“ Ich meine: ja, das kann passieren. Aber bis jetzt sieht er gut aus. Die Geschichte mit Taubsi ist auch schon lange her; die Erinnerungen Wage. Trotzdem wollte ich mich dieser Aufgabe diesmal wieder annehmen; ich hab schon einen Aufgepeppelt, bin also nicht unerfahren.

Ich glaube, wir unterschätzen Vögel und ihr Anpassungsvermögen.

Dagobert verblüfft mich mit seinem Verhalten. Obwohl sein Nest warm (wärmer als Körperwärme) ist, bevorzugt er deutlich Körperkontakt. Er liebt es zu kuscheln. Nach dem Futtern hopst er mir in den Ausschnitt oder kuschelt sich in meine Armbeuge.

Ein bisschen Angst hab ich, dass er zu anhänglich wird. Aber es fühlt sich falsch an, ihm die Nähe zu verbieten. Im Nest hätte er auch jemanden zum Kuscheln gehabt; auch wenn Vögel nicht für ihr Kuschelbedürfnis bekannt sind. Aus meiner Menschenbaby-Mamazeit weiß ich, dass Intuition alles ist; manchmal wichtiger als die Mainstream-Meinung.

Ich hab sogar das Gefühl, dass er Stubenrein wird. Zufälligerweise setzt er immer um die Mahlzeit herum ab, also nie in sein Nest, sondern auf ein Zewa. Vorhin hockte er sich nach der Mahlzeit auf das Zewa, setzte ab und sprang mir dann fröhlich in den Ausschnitt. 😮 So, als wäre er Stubenrein. Gerade eben sogar extra von meiner Hand gehüpft um auf das Zewa zu machen. 😱

Wünscht Dagobert Glück; dass er bald hier ausziehen und mit anderen Spatzen fliegen darf 😊

Sterbebegleitung

Eine Skizze zur Idee: rieselnder Sand, der zu Blut in einem Blutsee wird.

Seit ich das letzte mal geschrieben habe, ist eine Menge passiert. Das wohl intensivste ist wohl- ich sag es jetzt mal frei heraus: die bösartige und inoperable Hirntumorerkrankung von meinem Vater. Ich hab mich dermaßen in diese Krankheit eingelesen, dass ich auf hohem und kritischem Niveau mit den Ärzten diskutieren konnte. Ohne Frage; ich hab mein Wissen nur aus dem Netz, aber es hat gereicht, um die Ärzte so manches Mal in Erklärungsnot zu bringen. Zum Beispiel gibt es ein Krankheitsbild: Das Schmetterlingsgliom. Das Besondere an diesem Krankheitsbild ist, dass es sich auf beiden Hirnhälften von der Mitte aus ausbreitet. Das ist IMMER ein Tumor der WHO-Stufe 4; die bösartigste Variante ohne Heilungschancen; eine Therapie, optimalerweise bestehend aus OP, Chemo und Bestrahlung kann nur das Wachstum hemmen und die Lebenserwartung liegt bei der Kombi bei durchschnittlich einem Jahr. Das hängt aber MASSGEBEND von der OP ab, die bei meinem Vater nicht möglich war.

Hirntumore werden in verschiedene Stufen eingeteilt: WHO-Stufe 1 sind gutartige und langsam wachsende Tumore mit guter Heilungschance, 4 sind bösartige Tumore die trotz Operation zu 99,9% wieder auftauchen werden und in sehr kurzer Zeit zum Tod führen.

Dass es ein Schmetterlingsgliom ist, das konnten die Ärzte eigentlich auf dem ersten MRT schon erkennen. Dennoch haben sie ihn direkt, als Selbstverständlichkeit, in eine Uniklinik zur Biopsie geschickt, uns mit der Hoffnung getröstet, dass es vielleicht ja doch nur ein Tumor der WHO-Stufe 1 oder 2 sei. (Die Biopsie ist absolut komplikationslos verlaufen; für diejenigen, die einst selbst eine über sich ergehen lassen müssen.)

Bei einer Hirnbiopsie wird ein 10 mm großes Loch in die Schädeldecke gebohrt und ein Strohhalmartiges 7mm Röhrchen in das Tumorgewebe gesteckt um eine Probe zu entnehmen

Der behandelnde Arzt, der ein 7mm Röhrchen als klein bezeichnet hat. 😱

Und sie versprachen, dass die Therapie direkt nach der Biopsie starten soll, vielleicht sogar am Folgetag in der Uniklinik. Das geschah nicht. Mein Vater wurde zum Therapie-Vorgespräch 4 Wochen nach Diagnosestellung eingeladen; und dank Ostern sollte die Therapie erst nach zwei weiteren Wochen beginnen. Da ging es ihm schon schlimm; von Stunde zu Stunde merklich schlimmer. Wir mussten uns schweren Herzens in seinem Interesse gegen eine Therapie entscheiden; denn eine Therapie ohne Operation hätte seinen Zustand nur verlangsamt, nicht gebessert. Nach einem Tipp aus dem Hirntumorforum haben wir Hilfe vom Palliativnetz beantragt. Und das Netz war eine riesen Hilfe. Ein Pflegedienst stand täglich mit Rat zur Stelle, ein Palliativarzt war dann und wann da; wir konnten 24/7 mit einem Palliativarzt telefonisch reden. So konnten wir ihn komplett Zuhause pflegen.

Die abschließende Diagnose, Glioblastom, WHO-Stufe 4 etc., kam dann übrigens eine Woche vor seinem Tod im Briefkasten an. Also verstehe ich nicht, auf was wir 4 Wochen warten mussten.

Und dann ging alles ganz schnell…

Nun, der Tod gehört zum Leben dazu; das durften nicht nur wir Erwachsenen neu lernen, sondern auch meine Tochter mit erleben. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sie eineinhalb Wochen vor seinem Tod auf ihn drauf geklettert ist, sich auf ihn gelegt und ihn umarmt hat; er sie zurück umarmt hat. (Davon gibt’s sogar ein Foto, aber das bleibt Privat ❤) Sie meinte zu ihrem heißgeliebten Opa: „Ich liebe dich ganz, ganz, GAANZ, doll, Opa. Ich bin froh dass du noch Lebst. Bald gehst du in den Himmel und dann werde ich ganz traurig sein.“ Und dann begann auch schon die finale Sterbephase, die sich zu seinem Leid über eineinhalb Wochen gezogen hat.

Am Vormittag des Todestages haben wir uns alle (ich, meine Mutter, meine kleine Tochter) um ihn versammelt und ihn daran erinnert, dass er sich zu Gott bekannt hat und deshalb keine Angst vor dem Tod zu haben braucht, denn Gott gab uns sein Versprechen. Wir haben mit ihm das Vaterunser gebetet, ihm leichte, klassische Musik angemacht, mit ihm geredet. Seine Enkelin hat ihm ein Bild gemalt, ihn am Arm gestreichelt; er hat darauf sogar reagiert. Wir haben ihm gesagt, dass er gehen darf. Und ich hab auch meine kleine Tochter gefragt: „Was meinst du Sara; darf Opa in den Himmel gehen?“ Sie schaute ihren Opa an; ohne in Details zu versinken: er konnte nichts mehr; nicht sprechen, kaum Atmen, sich nicht mehr bewegen. „Ja, Opa darf in den Himmel gehen.“

Und am Nachmittag dieses Tages trat er seine Reise an. Ich durfte Zeugin seines letzten Atemzugs sein.

Die Zeit danach

Und genau zwei Wochen nach der Beerdigung ging jetzt auch die Kita los; am Welthirntumortag. Wenn es um das Timing von Lockdown, Diagnose, Tod und Kitaöffnung geht: Ja, da fühle ich mich verarscht; ich musste lachen und weinen als der Beginn vom Lockdown und Diagnose zusammenfielen. Und ich musste lachen und weinen als ich erfuhr dass die Kita urplötzlich am 08.06.2020 wieder losgehen sollte; so als hätte alles genau so sein sollen. Und noch einmal kam mir ein von schmunzeln begleitetes Tränchen raus, als ich ne Mail bekam, dass am 08.06. auch noch Welthirntumortag sei.

Ja, ich habe auch was für mich mitnehmen können aus dieser Erfahrung. Nie fühlte sich die Tatsache, dass der Tod ein ständiger Begleiter ist, so natürlich an, wie jetzt. Die Angst vor dem Unbekannten ist verflogen. Als Christin glaube ich an das Leben nach dem Tod, auch wenn immer ein kleiner Zweifel bleibt. Doch wenn ich mich in meinem Glauben irre, dann ist mir das dann auch egal; nach der Theorie bin ich dann ja -so unvorstellbar wie ich das auch finde- einfach als Bewusstsein weg ; dann kann mir das auch alles egal sein. Wenn der Moment eines Tages kommt, dann werde ich einfach loslassen. Ich hoffe zumindest, dass ich dann auch so denke. Wenn es soweit ist, möchte ich nicht in Angst sterben, sondern in Erleichterung.

Erleichterung

Wir vermissen ihn, aber vor allem fühle ich bis heute Erleichterung für ihn. Ich fühle, wie es alle in der Palliativpflege gesagt haben: „Er hat es geschafft.“ Es war schlimm, sein Leid mit anzusehen; wenn man lange genug bei ihm saß, hatte man das Gefühl, an seiner Stelle zu liegen. Gerade diese Empathie hat uns die letzten Tage so schwer gemacht. Wir konnten ihm nicht helfen; wir konnten ihn eben nur mit etwas Schmerzlinderung, Pflege und Liebe auf seinem letzten Weg begleiten.

Trauerndes Kind

Für mich war auch eine große Sorge, wie meine Tochter die Situation verkraftet, wie sie sie verarbeitet und wie ich ihr das erleichtern kann. Er war für sie nach uns Eltern die wichtigste Person. Es scheint, als käme sie entsprechend gut mit der Situation zurecht.

Ich war von Diagnosestellung an ehrlich zu ihr. So konnte sie vorher Abschied nehmen und die Zeit, die geblieben war, intensiver genießen. Wir haben ihn mehrmals aufbahren lassen, da wollte sie auch dabei sein. Jetzt möchte sie oft an sein Grab und mit ihm sprechen. Das erste, was sie dir sagt, wenn sie dich trifft ist „Mein Opa ist gestorben!“

Gerade zu Anfang gab es oft Momente (aus dem nichts), in denen Sie vor Emotionen rot angelaufen ist; sie sah aus, als würde sie vor Emotionen platzen, aber es kam nichts aus ihr heraus; als wüsste sie nicht, wie sie die Gefühle kanalisieren soll. Es wirkt dann Wunder, ein Gespräch über Erinnerungen zu Opa zu führen; einfach: „Opa hat oft mir dir Ball gespielt.“ Dann fängt sie an, freudestrahlend zu erzählen.

Schlusswort

Puh, ganz schön trist, was? Ja. Aber dieser Eintrag musste nach dem letzten Eintrag sein. Und ja, Corona hat die Situation noch schlimmer gemacht. Wenn ich das im Detail erläutern sollte, könnte ich ein Buch füllen. Jetzt kommt hoffentlich, auch durch den erneuten Kitastart, etwas Normalität in meinen Alltag. Und nein, ich weiß nicht, wie ich die Lockerungen finden soll; bisher (Stand 11.06.2020) wirkt es so, als würde es funktionieren. Ich bin übrigens die meiste Zeit „up to date“ bezüglich Corona; was wirklich alles komplizierter macht; man fängt an, ständig Wahrscheinlichkeitsschätzungen zu machen. 😵

Ich weiß aber, dass meiner Tochter und mir der Kitastart RIIICHTIG gut tut. Die Erzieher erzählen, dass sie den Kindergarten momentan einfach genießt. Ich glaub ihnen das; wenn ich sie vor der Tür verabschiede, geht sie stumpf rein und dreht sich nicht mal kurz um, um sich zu verabschieden. Und ich genieße die Zeit am Vormittag, die ich mal richtig konzentriert was-auch-immer machen kann.

Ich schließe ab mit meinem ersten Bild seit Kitastart; einer groben Illustration einer jungen Frau zu Coronazeiten.

Bleibt gesund.